Forderungen von Investoren und Arbeitnehmern in puncto Investitionsentscheidungen sind in der Regel sehr unterschiedlich gelagert. Der seit kurzem von institutionellen Investoren intensivierte Blick auf das Human Capital Management (HCM) börsennotierter Unternehmen erweist sich dabei als gewichtige Ausnahme – greift er doch im Sinne des Stakeholder Managements zentrale Aspekte einer professionellen Personalarbeit auf. Über die Beleuchtung relevanter Kennzahlen und Best Practice wird neben der guten Personalarbeit deutscher Unternehmen auch die deutsche Mitbestimmung exportiert. hkp.com im Gespräch mit Tanja Jacquemin, Fachreferentin/Dozentin für Aufsichtsräte und Unternehmensmitbestimmung und Rainer Gröbel, Leiter der Academy of Labour und ehemaliger Personalchef der IG Metall.

Frau Jacquemin, Herr Gröbel, es hat den Anschein, dass Investoren stärker denn je, Belange der Arbeitnehmer wahrnehmen und diese in ihren Investments berücksichtigen. Sehen Sie sich am Ziel Ihrer Bemühungen als Vertreter der Arbeitnehmerseite?
Tanja Jacquemin:
In der Tat misst der aktuelle Investoren-Fokus auf Human Capital Management der Situation und Interessenlage von Arbeitnehmern eine bislang von dieser Seite nicht gekannte Bedeutung bei. Aber auch wenn wir hier die positiven Effekte für unsere Arbeit sehen, sollten wir uns nicht in den spezifischen Motiven der Investorenseite täuschen.

Was würden Sie kritisieren?
Rainer Gröbel:
Es geht nicht um Kritik, sondern um eine kritische Einordnung: Institutionelle Investoren haben erkannt, dass nachhaltig agierende Unternehmen auf lange Sicht erfolgreicher sind und sie schauen aus der Perspektive der nachhaltigen Gewinn-Maximierung bei gleichzeitiger Risiko-Minimierung auf das Thema Human Capital Management. Das ist zu begrüßen, aber es ist wiederum auch kein Gutmenschentum.
Tanja Jacquemin: Wir erleben in diesem Punkt eine ähnliche Entwicklung wie bei Umweltthemen und speziell fossilen bzw. atomaren Energiequellen, wo Investoren aus vergleichbarer Motivlage heraus Druck auf die Unternehmenswelt aufgebaut haben.

… und das mit Erfolg!
Tanja Jacquemin:
Ohne Zweifel. Was die Politik mit ihren Kompromissformeln nicht auf die Straße gebracht hat, haben Investoren mit entsprechendem ökonomischen Nachdruck realisiert.

Sie kennen wie kaum andere Vertreter die Arbeitnehmer-Seite in der deutschen Mitbestimmung. Ist die aktuelle Veränderung im Investoren-Verhalten hier schon angekommen?
Rainer Gröbel:
Investoren sind seit mehreren Jahren immer intensiver mit ESG an die Aufsichtsräte und hier die Vorsitzenden der Gremien und deren StellvertreterInnen herangetreten. Dort ordnet sich nun der Fokus auf HCM ein. Ganz neu ist das Thema also nicht. Allerdings hat es durch die aktuelle Überarbeitung der Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung auf europäischer Ebene deutlich an Relevanz gewonnen. Hier sehe ich eine klare Zuständigkeit der ArbeitnehmerInnen in den Aufsichtsräten, insbesondere für die Fragen der sozialen Nachhaltigkeit. Gerade zu den Belangen der Beschäftigten sind sie die ExpertInnen. Welche Möglichkeiten sich hinter dem verstärkten HCM-Fokus verbergen, können wir allerdings bisher nur erahnen.
Tanja Jacquemin: Wir sehen hier klar Nachholbedarf in der Information und vor allem Einbeziehung der entsprechenden Personenkreise, erst recht, weil damit Herausforderungen, aber auch vielfältige Chancen sowohl für das Unternehmen als auch für die Arbeitnehmervertretungen verbunden sind.

Welche Herausforderungen bzw. Chancen sehen Sie?
Tanja Jacquemin:
Lassen Sie uns mit den Herausforderungen beginnen. Selbst von den führenden börsennotierten Unternehmen in Deutschland können nur wenige auf Knopfdruck wichtige Human Capital Kennzahlen bereitstellen. Tritt ein Aufsichtsratsvorsitzender mit entsprechenden Informationsanfragen für den nächsten Investorentermin an HR heran, beginnt das große Suchen und Basteln. Mit den nun artikulierten grundlegenden Forderungen der institutionellen Investoren an das Human Capital Management muss und wird sich das grundlegend ändern. Voraussetzung ist aber eine neue Qualität der Information und Kommunikation…

… und letztlich auch des entsprechenden Reportings.
Tanja Jacquemin: Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Aktuell offenbart sich eine sehr heterogene und fast willkürliche Berichtspraxis in Fragen des Human Capital Managements. Da Standards fehlen, berichten die Unternehmen in unterschiedlichen Formaten – denken Sie an den Geschäfts-, Personal- und Nachhaltigkeitsbericht – und damit auch zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichstem Umfang. Veröffentlicht wird, worauf ein Unternehmen stolz ist. Was nicht funktioniert oder stattfindet, wird auch nicht erwähnt. Das kann sich von Jahr zu Jahr ändern, auch müssen Bemessungsgrundlagen nicht identisch sein. Kurz: Im aktuellen Reporting zu HCM-Aspekten fehlt es an Transparenz, Konsistenz und Vergleichbarkeit. 

Zurück zu den Chancen des neuen Investoren-Fokus auf HCM Themen. Welche sehen Sie für Arbeitnehmervertretungen?
Rainer Gröbel:
Im Zuge des notwendigen Wandels wird das Personalmanagement in eine neue Rolle, ein neues Selbstverständnis hineinwachsen. Die HR-Funktion wird näher am Vorstand, aber auch näher am Aufsichtsrat agieren, der seinerseits informierter wirken kann. Die Arbeitnehmervertretungen können hier noch stärker als zuvor als Sprachrohr der Beschäftigten fungieren. Sie kennen die Belange der Belegschaft, haben einen guten Überblick über neuralgische Punkte – kennen aber auch die Bereiche, in denen es gut läuft. Sie können als entscheidender Faktor dazu beitragen, dass sich das Unternehmen sozial nachhaltig aufstellt.

Gibt es denn heute Informationen über Personalbelange, die für Investoren dringend relevant wären?
Tanja Jacquemin:
Das ist von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich. Aber gerade bei den großen börsennotierten Unternehmen fehlt es beispielsweise oft an Angaben, wie viele Beschäftigte eine Arbeitnehmervertretung haben, auf welchen Ebenen es diese gibt, wie hoch der Anteil der Beschäftigten in anderen Ländern oder Tochterunternehmen ist, die von Betriebsräten vertreten werden etc.

Warum wären denn diese Angaben für Investoren wichtig?
Rainer Gröbel:
Das ist ganz einfach. Dort, wo es eine hohe Abdeckung von Mitarbeitern durch Interessenvertreterinnen gibt, sind in der Regel die Arbeitnehmerstandards hoch und die entsprechenden von Investoren adressierten Risiken gering, zum Beispiel bei Arbeitsschutz und -sicherheit, Diskriminierung jeder Art, soziale Sicherheit etc.

Herr Gröbel, Frau Jacquemin, vielen Dank für das Gespräch.

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