In vielen Unternehmen steht die Gewährung der variablen Vergütung mit mehrjähriger Performance-Messung an: die Long Term Incentives, kurz „LTIs“. Sie fällt mitten in die durch die COVID-19 Pandemie verursachte Wirtschaftskrise – in eine Zeit von eingebrochenen Absatzmärkten und noch nicht absehbaren Auswirkungen für Unternehmen und Wirtschaft. Wie ist also umzugehen mit den LTI-Gewährungen für 2020? Antworten geben die Vergütungsexpertinnen Dr. Christine Abel und Nina Grochowitzki im Interview mit hkp.com.

Frau Dr. Abel, Frau Grochowitzki, was bedeutet die Corona-Krise für die Gewährung von LTIs in 2020? Was ist anders?
Christine Abel: Was anders ist? Ganz einfach: Die vorherrschende Unsicherheit im gesamtwirtschaftlichen Kontext, aber auch bei jedem einzelnen Unternehmen. Es fehlt an der nötigen Planungsperspektive.
Nina Grochowitzki: Und genau das ist für die Long Term Incentives essentiell. Es müssen zuverlässige Ziele festgelegt werden – für Performance-Zeiträume von drei bis vier Jahren.

Schwer vorstellbar, dass Unternehmen dies derzeit so verlässlich wie früher durchführen können. Was raten Sie?
Christine Abel:
Zuerst einmal sollten Unternehmen prüfen, ob man den LTI 2020 überhaupt gewähren muss, will oder kann. Dabei müssen die vertraglichen Rahmenbedingungen geprüft werden – also ob es beispielsweise im Arbeits- oder Dienstvertrag eine Regelung gibt, die eine Gewährung verpflichtend macht.

Für Vorstände von börsennotierten Gesellschaften ist dies der Fall.
Nina Grochowitzki:
Richtig. Eine Gewährung ist hier regulatorisch sogar erforderlich, da die langfristigen variablen Elemente die kurzfristigen übersteigen müssen.
Christine Abel: Es ist aber auch zu prüfen, ob eine Gewährung nach der bisherigen Praxis überhaupt noch sinnvoll ist. Auch die Zielsetzungen müssen neu in den Blick genommen werden. Sind diese vor dem aktuellen Hintergrund noch sinnvoll oder führt eine unveränderte Gewährung sogar zu einer Fehl-Incentivierung? So wird derzeit vor allem Cash- und Liquiditätssicherung priorisiert, der LTI incentiviert jedoch oft Rendite-Steigerung. In diesem Fall ist auch der Stopp einer Gewährung in 2020 in Betracht zu ziehen – oder eben neue Ziele zu setzen.

Wenn die Gewährung des LTIs schon auf dem Prüfstand steht, gäbe es weitere Blickpunkte, auf die man achten könnte?
Nina Grochowitzki:
Jede Menge. Wenn es zum Beispiel um die Sinnhaftigkeit der Gewährung geht, sollte auch berücksichtigt werden, inwieweit ein LTI durch einen Aufschwung über die nächsten Jahre gegebenenfalls auch mögliche Ausfälle des Bonus 2020 ausgleichen kann. Damit wäre weiterhin eine hohe Retention-Wirkung gegeben und die Begünstigten können an der gemeinsam erarbeiteten Wertaufholung partizipieren. Dies ist auch eine Lehre aus der Finanzkrise vor 10 Jahren.

Angenommen ein Unternehmen kommt zu dem Ergebnis, dass es tatsächlich sinnvoll ist, einen LTI für dieses Jahr zu gewähren: Was sollte es bei der Zielsetzung in diesen unstabilen Zeiten beachten?
Christine Abel:
Wer relative Performance-Ziele mit Vergleichen zu Peer Groups nutzt, ist schon mal gut unterwegs. Die Absicht ist dabei, besser zu performen als die Peers – die Krise also besser und schneller zu überwinden. Das hat den Vorteil, dass man keine absoluten Ziele für einen aktuell unabsehbaren Zeitraum von drei bis vier Jahren setzen muss. Hier bieten sich – zumindest als Option für börsennotierte Unternehmen – Aktien- bzw. aktienbasierte Ziele an, da für die Vergleichsunternehmen die Daten gut verfügbar sind. Dabei gilt es jedoch bei der Auswahl der Peer Group, ein paar Eckpunkte zu prüfen.

Und hier ist Stabilität sicher ein wesentlicher Aspekt…
Nina Grochowitzki: Ganz genau. Stabilität ist das A und O für einen sinnvollen Vergleich. Oft sind ganze Branchen von der COVID-19 Krise betroffen – man denke beispielsweise an Touristik und Luftfahrt. Hier kann es dann zum Beispiel durch spätere Merger und Insolvenzen schnell zu einer deutlichen Reduktion der Peer Group kommen. Ein Vergleich ist dann nicht mehr sinnvoll oder führt zu fehlleitenden Ergebnissen. Daher ist unter anderem wichtig zu prüfen, ob die Peer Group ausreichend viele Peer-Unternehmen, wir würden sagen mindestens zehn, enthält und über den Performance-Zeitraum als stabil eingeschätzt wird. Und bereits in den Plantexten sollten Regelungen für den Umgang mit verkleinerten Peer Groups aufgenommen werden. Ein wichtiges Element vor der Gewährung sind daher sicher auch detaillierte Szenario-Rechnungen, um mögliche Sensitivitäten auszuloten.
Christine Abel: Und nicht zu vergessen: bei Aktienplänen sollten Unternehmen sich bewusst sein, dass die Gewährung im aktuellen Kursumfeld zu einer vergleichsweise großen Anzahl zugeteilter Rechte führen kann. Das sorgt für eine starke Hebelwirkung bei der Erholung der Aktienkurse. Aber es schafft damit auch Motivation, an der Wertaufholung zu partizipieren. Laufende Tranchen, die gegenwärtig noch unter Wasser sind, können so gegebenenfalls ausgeglichen werden.

Wie sieht es denn bei nicht-börsennotierten Unternehmen aus?
Christine Abel:
Hier ist es deutlich schwieriger, Performance-Ziele mit relativen Vergleichen zu Peer-Unternehmen durchzuführen. Teilweise ist es sogar nicht möglich, da Informationen über relevante Kennzahlen von Peer Unternehmen nicht ausreichend und in vergleichbarer Form vorliegen. Dementsprechend beziehen sich viele LTI-Pläne auf interne Ziele, die auf Unternehmensplanungen basieren. Ändern sich nun die Rahmenbedingungen für die Planungen oder erfolgt gar ein Strategiewechsel, dann sind interne und belastbare Ziele für eine Dauer von vier Geschäftsjahren schwer oder gar nicht zu definieren.

Ein herausforderndes Unterfangen! Welches Fazit würden Sie also ziehen: Sind LTI-Gewährungen in der Corona-Krise eine gute Idee?
Nina Grochowitzki:
Eine LTI-Gewährung für 2020 will – sofern möglich – wohl überlegt sein, solange die Auswirkungen von COVID-19 auf das Unternehmen nur schwer abschätzbar sind. Dabei stehen nicht nur die Zielsetzungen, sondern auch die zu betrachtenden Zielgrößen im Fokus. Denn Bottom Line Größen oder die Rendite verlieren in Krisenzeiten unter Umständen an Bedeutung.
Christine Abel: Ich denke, jedes Unternehmen, bei dem die Gewährung des LTI gerade ansteht, sollte sich ein paar zentrale Leitfragen stellen, um herauszufinden, wie gut die Idee ist: Was ist aus heutiger Sicht eine nachhaltige Unternehmensentwicklung? Wie kann sie gemessen werden? Wie werden entsprechende Ziele gesetzt und später gemessen? Was würden die Stakeholder in Zukunft sagen, wenn die Gewährung des LTI 2020 ins Geld kommt? Ist das plausibel? Und zur Transparenz- und Akzeptanzsicherung rate ich allen Unternehmen, Komplexität zu reduzieren und eine kontinuierliche Kommunikation zu fördern.

Frau Abel, Frau Grochowitzki, vielen Dank für das Gespräch!

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